Auf den heutigen Tag hatte ich mich so sehr gefreut, zu mal ich dachte, dass es so einen Tag niemals mehr geben wird. Ich dachte bisher, dass ich wohl niemals die Chance haben werde, einen hier geborenen Deutschen zu treffen, der auf alle meine Fragen, die sich auf das Leben von Deutschen vor dem 2. Weltkrieg in Thammühl (Stare Splavy) und Hirschberg (Doksy) beziehen, eine Antwort geben kann. Bis zum heutigen Tag, als ich Roland Ansorge traf (Foto rechts).
Ich war sehr aufgeregt und hatte mir zum Glück alle Fragen vorher aufgeschrieben. Am Nachmittag haben wir uns getroffen. Seine Eltern hatten damals das Hotel Central (das heutige Hotel Macha in Stare Splavy) gebaut, hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend.

Hotel Central in Thammühl, das Elternhaus von Roland Ansorge.

Das gleiche Gebäude im Jahr 2008, viele Umbauten wurden gemacht. Interessant: die Dachschindeln sind noch die alten.
Alle Fragen wurden im Laufe des Gespräches ausführlichst beantwortet: Wo verlief eigentlich die Sprachgrenze? Südlich von Hirschberg/Doksy. Was stand auf den Ortseingangsschildern? Beides: Thammmühl + Stare Splavy bzw. Hirschberg + Doksy. Die Währung waren Tschechische Kronen. Als die Reichsmark kam, war der Wechselkurs für 10 Kronen = 1 Reichsmark. In beiden Orten lebten in der Regel nur Deutsche, in den Sommermonaten kamen auch Tschechen hinzu. Wer ein Auto besaß, hatte tschechische Kennzeichen.
Die Amtssprache war offiziell tschechisch, aber deutsch war natürlich auch kein Problem. Der Graf von Waldstein, ein Nachfahre von Wallenstein, lebte zu der Zeit noch im Schloß Hirschberg (Zamek Doksy). Eines seiner Kinder ging mit Roland Ansorge zur Schule.
Ein noch lebender Nachfahre des Grafen von Waldstein ist Pater Angelus Waldstein (Foto) welcher noch jetzt im Kloster Ettal in Deutschland lebt und sich für die Versöhnung und Freundschaft zwischen Tschechen und Deutschen einsetzt und dafür den bayrischen Verdienstorden erhielt . Roland Ansorge erzählte Geschichten von seiner Kindheit und Jugend, die er hier bis kurz vor Kriegsende verbracht hatte. Geschichten, die vor 60-70 Jahren passierten und noch so frisch in Erinnerung waren, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war teilweise so sehr beeindruckt, dass ich Gänsehaut bekam. Er kennt noch alle Namen von den Leuten, Nachbarn und Freunden die in Thammühl lebten, die tragische Geschichte eines Ertrunkenen, von Beschwerlichkeiten im Sommer und Langeweile im Winter, vom ganz normalen Alltag im kleinen Dorf Thammühl, von politischen Einflüssen auf das Leben am damaligen Großteich, vom Krieg bis hin zur Vertreibung im Jahre 1945. Die historischen Fotos auf www.doksy.de kannte er noch nicht, diese haben wir uns gemeinsam angesehen und er konnte alles, was seinen erlebten Zeitabschnitt betrifft, kommentieren und Geschichten darüber erzählen. Gebäude, die es noch heute gibt, Namen von Personen, die hier lebten. Villen, die nach Namen von Kindern benannt wurden. So zum Beispiel die Villa Christianne, die nach dem Mädchen Christel benannt wurde und sich unmittelbar neben dem Hotel seiner Eltern befand und auch noch befindet. Oder daß es eine Tankstelle vor der heutigen Pension Diana gab. Die Tankstelle bestand aus einer einzelnen Zapfsäule am Straßenrand, an welcher das Benzin per Hand gepumpt wurde (ähnlich einer Wasserpumpe).
Am Ende unseres Gespräches meinte Roland Ansorge, dass er wohl nicht noch einmal wiederkommen werde, für ihn sei es so eine Art Abschiedsbesuch. Er ist jetzt 82 Jahre und sein “Haltbarkeitsdatum sei schon längst abgelaufen” fügte er mit trockenen Humor hinzu. Es waren heute 3 Stunden voller lebendiger Geschichte und mein Kopf brummt noch jetzt davon. Falls sich auf Grund dieser Informationsflut Fehler in diesen Beitrag eingeschlichen haben sollten, bitte ich um Entschuldigung und einen kurzen Hinweis. Im Vorfeld unseres Treffens hatte er übrigens einen ausführlichen Beitrag verfasst, den wir hier mit seinem Einverständnis veröffentlichen können. Wer sich etwas in Stare Splavy/Thammühl auskennt, für den ist es auf jeden Fall sehr lesenswert.
Ich möchte mich an dieser Stelle nochmals für die Zeit bedanken, die er in meine vielen Fragen investiert hatte. Als kleines Dankeschön habe ich ihm beim Abschied die obige Original-Postkarte seines elterlichen Hotels geschenkt, die 1942 eine zufriedene Urlauberin nach Leipzig geschickt hatte.
Nachtrag: Sollte es noch weitere Zeitzeugen geben, so würde ich mich über eine Info an webmaster[at]doksy.de oder sogar über ein persönliches Treffen sehr freuen.
***
Meine Jugendzeit in Thammühl/See (von Roland Ansorge)
Am 4. September 1926 erblickte ich im damaligen Hotel Steidel - gleich neben der Bahnhaltestelle - das Licht der Welt. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren wirtschaftlich nicht die rosigste Zeit, denn es gab kein Wirtschaftswunder, das den Bürgern Spielraum nach oben bescherte, im Gegenteil, jeder hatte ums Überleben zu kämpfen. Thammühl jedoch hatte insofern eine gewisse Perspektive, denn der Großteich –ein Erbe von Kaiser Karl dem IV.- lockte im Sommer Gäste an. Mit diesem Potenzial im Hinterkopf gingen meine Eltern das Wagnis ein, selbst ein neues Hotel bauen zu lassen. Es war nicht größer als die anderen, gerade mal 16 Zimmer, in einfachster Ausstattung, denn es fehlte ja am nötigen Kapital. Deshalb wurde auf Pump gebaut und im Vertrauen auf die guten Kochkenntnisse meiner Mutter. Die Einwohnerzahl überschritt im Winter kaum die 300, im Sommer waren es dank der Sommerfrischler und der Villenbesitzer, die dann hier Ihre Sommerferien verbrachten bzw. Gästezimmer vermieteten, um einiges mehr.
Es gab am Ort, der kommunal der Gemeinde Hirschberg/See, dem Bezirk Dauba, dem Kreis Böhm. Leipa unterstand, eine Volksschule, in der Rudolf Tietz fünf Jahrgänge an Schülern in einem Klassenzimmer unterrichtete. Es gab ein Postamt, eine Tankstelle, drei Kaufläden, einen Bäcker, einen Fleischer, im Sommer auch einen „Südfrüchteladen , wo so „ausgefallene“ Früchte wie Wassermelonen oder heimisches Obst zu erstehen war, auch nur im Sommer; eine Konditorei mit Cafégeschäft, vier Hotels (Passage, Petelka in der Ortsmitte, Heilek an der Teichbucht und das Hotel Central unterhalb des Draschen, einem Lehmmergelhügel. Im Unterdorf betrieben einige Bauern Landwirtschaft. Zwei oder drei der Holzbalkenhäuser sind heute eine Attraktion im Ortsbild. . Die bei den Bauern anfallende Milch brachte der Holfeuer Bauer mit einem Pferdefuhrwerk nach Hirschberg in die Molkerei und im Verlaufe des Vormittags die Milchprodukte wieder zurück. Was Thammühl aus der Vielzahl der kleinen Ortschaften heraushob, war ein Elektrizitätswerk, das am Seeabfluß mittels einer Turbine den Strom erzeugte. Es gab auch keine Kanalisation, jeder Hausbesitzer musste eine Sickergrube vorhalten, die von Landwirten geleert wurden. Die Gülle war der Dünger für die Felder und Wiesen.
Es gab keine befestigten Straßen, außer der Hauptstraße durch den Ort. Es gab eine Bahnhaltestelle, von der wir „Fahrschüler“früh um 6.45 nach Böhm. Leipa in die weiterführenden Schulen fuhren, um am Nachmittag so gegen drei Uhr wieder heimzukehren. Wer Sonntags in die Kirche wollte, oder ins Kino, musste den Weg nach Hirschberg zu Fuß zurücklegen Etwa drei Kilometer. Da gab es dann auch einen Arzt, gleichzeitig auch Zahnarzt und eine Apotheke. Nichts dergleichen in Thammühl. Als ich mir so als 5- oder 6 Jähriger beim Spielen eine Schädeldeckenfraktur zuzog, brachte mich unser Faktotum, Fritz der Kellner, auf dem Fahrrad in die Arztpraxis. Erfreulicherweise ist mir außer einer tiefen Narbe kein Dachschaden geblieben.
An der Infrastruktur änderte auch der Anschluß an Reichsdeutschland nichts. Am 10. Oktober 1938 wurden wir amtlich deutsch. Eine Kradeinheit aus Glauchau hatte uns befreit. Am Gymnasium änderte sich der Stundenplan insofern, dass wir statt Tschechisch als Fremdsprache nun Englisch lernten. Mein damaliger Tschechisch- und spätere Englischlehrer, Prof Brtek hatte in Thammühl ein Haus. Diese Verbundenheit rettete mich wahrscheinlich davor, dass mein Gymnasiumsbesuch gleich im ersten Jahr wegen der schlechten Zensur in Tschechisch beendet gewesen wäre.
Aber, das Bedeutsame am Ort und damit auch ein sehr unterscheidendes Merkmal war der Großteich. Im Sommer verbrachten wir Kinder viel Zeit am und im Wasser. Am Strand gab es eine Umkleidemöglichkeit mit Duschen, es gab am Thammühler Strand, dem damaligen Hauptstrand eine Rutschbahn und einen bescheidenen Sprungturm. Das waren unsere Attraktionen, die in der Ferienzeit weidlich genutzt wurden - sofern ich dafür Zeit hatte. Im elterlichen Hotelbetrieb gab es nämlich durchaus auch Aufgaben, die von einem Jugendlichen erledigt werden konnten.
Der Herbst war dann die Zeit, in der wir Kinder unsere Freizeit mit „Räuber- und Schande Spielen“ am Schraubenberg verbrachten. Das dichte Laub der Bäume und die Höhlen dienten als Verstecke. Alle drei Jahre war Fischerei angesagt. Der Teich wurde abgelassen, in dem man am „Schlucken“ einen Sperrbalken nach dem anderen hochzog und so den Wasserspiegel deutlich senkte. Was übrig blieb war ein Wasserrest in der Bucht, wo die Segler ihre Liegeplätze hatten, bzw. wo im Sommer die beiden Motorboote, die „Tista“ und die „Marie“ anlegten.
Der Teich und die umliegenden Wälder waren Eigentum des Grafen Waldstein aus Hirschberg. Mit Nachen wurde im einzig verbliebenen Wasserlauf, dem „Jordanbach“ durch die Schlammwüste gestakt, um die sich versteckenden Fische Richtung Bucht zu treiben. Der Teich hatte viel an Fisch zu bieten: Karpfen, Schleie, Barsche, Weißfische, Aale und Hechte. Wir Kinder wurden von den Fischknechten ab und an mit einem wertlosen Weißfisch bedacht, den dann die Mutter schmackhaft gebraten hat. Oder wir suchten im steinigen Uferbereich –da wo heute ein Palmenstrand ist- nach Krebsen unter den Steinen. Das Abfischen war natürlich eine Ausnahmezeit, denn sofort danach wurde das Wasser des Baches wieder aufgestaut, damit im Sommer wieder ein Badeteich vorhanden ist.
Es gab damals nie Probleme mit Algen udgl., so dass das Badevergnügen keine Einschränkungen erfahren musste. Die drei örtlichen Tennisplätze waren für uns Kinder ein Ort, wo man sich beim „Bälleklauben“, in der Stunde 50 Heller bis eine Krone verdienen konnte. Eine andere Möglichkeit, um sich Geld für eine Tüte Eis zu verdienen, war am Schlucken: beim Geldtauchen. Was die Zuschauer nicht wussten, war die Tatsache, dass der Abfluß des Teiches stufenweise in den Fels gehauen war. So war es nicht schwer, eine blinkende Münze auf einer solchen „Sandbank“ zu sehen und aufzuheben.
Im Winter, sofern genügend Schnee lag, wurde im „Bauerngrund“ – am Weg nach Neukalken - oder an den Hügeln im Ort so etwas wie Schifahren geübt. Wenn der Teich zugefroren war, und das war er meist, denn bei Minus 36 Grad hatte er eine ca 25 cm dicke Eisschicht. Dann gingen wir Schlittschuhlaufen. Dieses Eis diente aber auch der Gastronomie und dem Fleischer als Kühlmittel. Wenn das Eis seine Stärke erreicht hatte, wurden mit Sägen Platten herausgesägt, die dann in ca, 50 x 50 cm Stücke verkleinert wurden. Damit es über den Sommer aufbewahrt werden konnte, wurden am Damm unterhalb des Schraubenberges - da wo heute auch ein kleiner Strand ist - diese Eisblöcke aufgeschichtet, mit Salz bestreut, und schließlich mit Schlacke abgedeckt. Damit wurden dann Bierleitung und Kühlschrank bestückt. Aber das Eis musste im Sommer erst einmal geholt werden. Das war dann die Aufgabe eines Hausmeisters oder wer immer dafür in Frage kam. Auch ich musste mithelfen, denn es galt im Leiterwagen mit Muskelkraft das schwere gefrorene Wasser nach hause zu holen – bergauf!!!
Erst, als die Sommerfrische – so nannte man damals den Urlaubstourismus - im „Dritten Reich“ besser wurde und immer mehr Gäste aus Dresden oder Berlin nach Thammühl kamen, besserte sich die wirtschaftliche Situation und ließ an Anschaffung eines elektr. Kühlschrankes oder eine Kühlanlage denken. So entfiel das beschwerliche Eis machen und holen.
Je mehr wir dem Pubertätsalter näher kamen, umso mehr änderte sich auch unsere Jugend, denn jetzt waren wir reif für die Aktivitäten in der Hitlerjugend. Das „Räuber und Schande Spielen“ veränderte sich in Geländespiele, in Marschieren und in Lagerleben, hintergründig immer zur Vorbereitung auf das Soldatenleben.
Im September 1943 wurde ich mit meinen Schulkollegen vom Gymnasium als Luftwaffenhelfer nach Berlin eingezogen. Dessau, Magdeburg, Stendal und Prag waren weitere Stationen ehe es Anfang Oktober 1944 zum Barras ging. Damit war die Jugendzeit in Thammühl endgültig vorbei.
Meine Mutter wollte unbedingt noch einmal ihre ehemalige Wirkungsstätte, das Hotel Central, wiedersehen, so machten wir in den 50er Jahren eine Stippvisite. Erst nach dem „Prager Frühling“ kehrte ich auf der Rückreise von einer Industriemesse in Iglau noch mal für eine Stunde in meinen Heimatort zurück. Ein weiteres Mal im Rahmen meiner Fotoreise für meine Ton-Bild-Schau „Das Erbe von Kaiser Karl IV. in Böhmen“. Da weilte ich mit einem Freund noch für einen Tag in Thammühl - und sah die vielfältigen Veränderungen, die die neuen Besitzer und Verwaltungen positiv durchgeführt hatten: die Straßen waren asphaltiert, es gab eine Kläranlage, und Thammühl war wieder eine gefragte Sommerfrische, ob es in den Außersaisonmonaten frequentiert wird, weiß ich nicht. In meiner Jugend begann die Saison an Pfingsten und endete Ende August. In dieser Zeit musste der Lebensunterhalt für das ganze Jahr und die Annuitäten bei der Bank erwirtschaftet werden. Es war mitunter sehr schwer und karg. Da mit fortschreitendem Krieg der Tourismus deutlich nachließ, vermieteten meine Eltern das Haus an die Wehrmacht, als Rekonvaleszenzheim für schwerverwundete Soldaten. Die letzte Rate der Schulden bezahlte meine Mutter nach Kriegsende, als russische Offiziere das Haus bewohnten. Sie verhielten sich korrekt. Ich selbst war 1945 als junger, 18 jähriger Soldat in amerik., später französischer Gefangenschaft und kehrte deshalb nicht mehr heim.
Bad Kissingen, 16.Juli 2008
***